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1
00:00:01.560 --> 00:00:06.660
Vielen Dank.

2
00:00:06.780 --> 00:00:17.470
Ja, zunächst ganz herzlichen Dank für die
Einladung hierher und das überwältigende
Interesse am Thema, auch zur Mittagsstunde.
Sehr

3
00:00:17.470 --> 00:00:29.020
geehrte Damen und Herren, liebe Frau Bach,
lieber Herr Ramelow, Herr Himmelrath, liebe
Studierende und liebe Gäste des heutigen Nachmittags,
mein

4
00:00:29.020 --> 00:00:39.070
Thema Schwerpunkt Wissenschaft, Orientierung
in unsicheren Zeiten.  Und tatsächlich leben
wir in einer Zeit erheblicher Verunsicherung.

5
00:00:39.070 --> 00:00:48.050
und zugleich hohe Erwartungen.  Die wirtschaftliche
Unsicherheit wächst, internationale Bündnisse,
auf die man sich lange

6
00:00:48.050 --> 00:00:57.550
zu verlassen glaubte,  wirken fragiler, unsere
Sozialversicherungssysteme geraten unter Druck
und mit der künstlichen Intelligenz entstehen

7
00:00:57.550 --> 00:01:05.000
enorme Chancen,  aber auch neue Fragen nach
Veränderungen der Arbeitswelt,  Kontrolle,
Macht und Gerechtigkeit.

8
00:01:05.000 --> 00:01:14.000
Und diese Probleme treten zudem nicht isoliert
auf.  Die Wirtschaftsfrage ist auch eine Sozialstaatsfrage.
Die Energiefrage ist auch eine

9
00:01:14.000 --> 00:01:24.000
Sicherheitsfrage, sehen wir gerade.  Die Klimafrage
ist auch eine Gerechtigkeitsfrage, Generationengerechtigkeitsfrage.
Komplexität und

10
00:01:24.000 --> 00:01:34.000
Interdependenz sind sozusagen die Zeichen unserer
Zeit.  Und viele Menschen, denke ich, spüren,
ein bloßes "Weiter so" funktioniert nicht
mehr.

11
00:01:34.000 --> 00:01:44.000
Und gerade deshalb wächst der Bedarf an Orientierung
und damit ist die Frage, der ich heute nachgehen
möchte, quasi unvermeidlich.  Was

12
00:01:44.000 --> 00:01:54.000
hilft uns denn als demokratische Gesellschaft
in unsicheren Zeiten handlungsfähig zu bleiben
und das Vertrauen in unsere demokratischen

13
00:01:54.000 --> 00:01:56.000
Institutionen zu stärken?

14
00:01:56.000 --> 00:02:05.000
Ich spreche heute nicht als Politikwissenschaftlerin
oder Bildungsforscherin, sondern als Ärztin
und Medizinethikerin und als

15
00:02:05.000 --> 00:02:13.000
jemand, der in verschiedenen Gremien erlebt,
wie anspruchsvoll verantwortliche Entscheidungen
geworden sind im Krankenhaus, in der

16
00:02:13.000 --> 00:02:17.000
Gesundheitspolitik und in gesellschaftlichen
Grundsatzfragen.

17
00:02:18.000 --> 00:02:27.000
Herr Ramelow wird sich später über die Erfahrungen
in der Politik berichten und sprechen und ich
werde, so wurde das auch von den

18
00:02:27.000 --> 00:02:33.000
Vereinigte Anstaltungen konzipiert, mich etwas
mehr auf die Wissenschaft, Ethik und Bildung
fokussieren.

19
00:02:33.000 --> 00:02:37.000
Und beginne daher mit der Wissenschaft.

20
00:02:39.000 --> 00:02:47.000
Und mit einer im Grunde guten Nachricht: Deutschland
steht beim Vertrauen in Wissenschaft im europäischen
Vergleich, aber auch weltweit,

21
00:02:47.000 --> 00:02:56.000
weiterhin gut da.  Das Wissenschaftsbarometer,
das Sie vielleicht kennen, was jährlich rausgegeben
wird vom Verein Wissenschaft im Dialog, weist
seit

22
00:02:56.000 --> 00:03:04.000
Jahren stabile Werte auf.  In der Pandemie
sogar etwas höher, aber jetzt zuletzt äußerten
rund 54 Prozent der Befragten ein hohes oder
sehr hohes

23
00:03:04.000 --> 00:03:07.000
Vertrauen in die Wissenschaft und Forschung.

24
00:03:07.000 --> 00:03:18.000
Gleichzeitig gibt es aber auch Warnsignale.
Der Academic Freedom Index zeigt, in 34 Ländern
hat sich die Wissenschaftsfreiheit in den letzten
zehn

25
00:03:18.000 --> 00:03:28.000
Jahren verschlechtert, besonders dort, wo antipluralistische
Parteien regieren.  Deutschland war immer unter
den Top 10 Prozent, was

26
00:03:28.000 --> 00:03:38.000
Wissenschaftsfreiheit anging und im letzten
Jahr zum ersten Mal auch mit leicht rückläufigen
Werten aus diesem 10er-Prozent-Bereich

27
00:03:38.000 --> 00:03:49.000
abgestiegen.  Das Niveau bei uns ist natürlich
weiter hoch, aber 70 Prozent der Forschenden
berichten in einer Studie des Zentrums für

28
00:03:49.000 --> 00:03:52.000
Hochschulen und Wissenschaftsforschung, dass
sie

29
00:03:52.000 --> 00:04:00.000
die es so wahrnehmen, dass die Wissenschaftsfeindlichkeit
in Deutschland zunimmt. Das ist jetzt kein
Grund für Alarmismus, aber es

30
00:04:00.000 --> 00:04:09.000
ist ein Signal,  dass Vertrauen in Wissenschaft
kein garantierter Dauerzustand ist.  Es muss
immer wieder neu begründet und vielleicht
auch verdient

31
00:04:09.000 --> 00:04:13.000
werden.  Was erwartet also die Gesellschaft
von der Wissenschaft?

32
00:04:13.000 --> 00:04:22.000
Die Erwartungen sind da hoch und klar fokussiert.
Auch wieder das Wissenschaftsbarometer hat
das befragt, was die Erwartungen an die Wissenschaft

33
00:04:22.000 --> 00:04:29.000
sind.  72 Prozent sehen Wissenschaft als Mittel
zur Orientierung, aber auch Versachlichung
gesellschaftlicher Debatten.

34
00:04:29.000 --> 00:04:39.000
70 Prozent der Befragten wünschen sich, dass
Forschende sogar aktiv eingreifen, wenn Fakten
falsch dargestellt werden.  Und zwei Dritte

35
00:04:39.000 --> 00:04:47.000
denken, dass Wissenschaft hilfreich ist beim
Spannungsabbau in gesellschaftlichen Diskussionen
und dazu beitragen kann.

36
00:04:48.000 --> 00:04:56.000
Aber dieselben Daten zeigen auch eine Gegenbewegung.
Die Forderung, politische Entscheidungen sollten
sich eng an

37
00:04:56.000 --> 00:04:59.000
wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren,

38
00:04:59.000 --> 00:05:09.000
Die war sehr hoch in der Pandemie und sinkt
es seit den Pandemiejahren deutlich.  Während
der Pandemie bei fast drei Viertel der Befragten
und

39
00:05:09.000 --> 00:05:15.000
jetzt ein deutliches Absinken auf die Hälfte,
die so eine Aussage unterstützen.

40
00:05:15.000 --> 00:05:23.000
Und ich halte gerade diesen Befund für einen
wichtigen und habe zu ihm drei Erklärungen
gefunden.

41
00:05:23.000 --> 00:05:28.000
Erstens eine gewisse Ernüchterung über die
Grenzen wissenschaftlicher Gewissheit.

42
00:05:28.000 --> 00:05:36.000
In der Pandemie wurde sichtbar.  Wissenschaft
liefert nicht immer eindeutige Antworten.
Die Erkenntnisse haben sich geändert über
die Zeit.

43
00:05:36.000 --> 00:05:45.000
Expertinnen haben sich widersprochen.  Modelle
hatten Unsicherheiten.  Aus Sicht der Wissenschaft
ganz normal sozusagen,  aus Sicht von vielen

44
00:05:45.000 --> 00:05:52.000
Bürgerinnen und Bürgern,  aber teilweise
irritierend oder eine Zumutung.  Also wenn
Unsicherheit schlecht kommuniziert wird,

45
00:05:52.000 --> 00:05:58.000
sinkt die Akzeptanz und das Vertrauen in die
Expertise.

46
00:05:58.000 --> 00:06:07.000
Zweitens die Sorge vor Einflussnahme.  Rund
zwei Drittel der Befragten äußerten im Wissenschaftsbarometer
Bedenken,  die Wissenschaft

47
00:06:07.000 --> 00:06:12.000
sei zu stark von Politik, Wirtschaft und Geldgebern
abhängig.

48
00:06:12.000 --> 00:06:20.000
Und drittens die Wahrnehmung einer Politisierung
der Wissenschaft.  Zuweilen entstand vielleicht
auch während der Pandemie der Eindruck,  die

49
00:06:20.000 --> 00:06:29.000
Wissenschaft solle die politischen Konflikte
lösen.  Doch bei Fragen wie Schulschließung
oder wirtschaftlicher Lastenverteilung  reichen

50
00:06:29.000 --> 00:06:36.000
natürlich Daten nicht aus.  Hier sind Werteabwägungen
gefragt und sie können und sollen demokratisch
entschieden werden.

51
00:06:37.000 --> 00:06:45.000
All das verweist auf eine zentrale Herausforderung,
vielleicht auch Gratwanderung. Wissenschaft
soll bei der Lösung komplexer

52
00:06:45.000 --> 00:06:51.000
Probleme unserer Zeit eine aktive Rolle spielen,
aber nicht selbst zum politischen Akteur werden.

53
00:06:51.000 --> 00:06:57.000
Wir brauchen eine klare Aufgabenverteilung
zwischen Wissen, Beratung und demokratischer
Entscheidungen.

54
00:06:57.000 --> 00:07:01.000
Daher die Frage: Was ist denn die Aufgabe der
Wissenschaft?

55
00:07:04.000 --> 00:07:08.000
Wissenschaft als Definition.

56
00:07:09.000 --> 00:07:17.000
ist die ernsthafte, methodisch geleitete Suche
nach Erkenntnis.  So etwa war die Begriffsdefinition
von Wissenschaft,  den das

57
00:07:17.000 --> 00:07:26.000
Bundesverfassungsgericht 1973 in der Definition
des Grundrechts  auf Wissenschaftsfreiheit
verwendet hat.  Sie lebt von Revisionsfreiheit,

58
00:07:26.000 --> 00:07:29.000
Transparenz und Kritikfähigkeit.

59
00:07:29.000 --> 00:07:37.000
Wissenschaft kann uns sagen, was wahrscheinlich
wirkt, welche Risiken bestehen, welche Handlungsoptionen
existieren.  Aber sie

60
00:07:37.000 --> 00:07:46.000
entscheidet nicht, ob Lasten gerecht verteilt
sind, welche Risiken akzeptabel sind und was
dann am Ende mehrheitsfähig wird.

61
00:07:47.000 --> 00:07:55.000
oder mehrheitsfähig ist.  Das sind Fragen
der Offenlegung von Werten, der Abwägung guter
Gründe  und letztlich politischer

62
00:07:55.000 --> 00:08:02.000
Interessensaushandlungen  und Generierung auch
von Mehrheiten unbestimmte Entscheidungen.

63
00:08:02.000 --> 00:08:13.000
Wie relevant diese Rollenverteilung und auch
Rollenreflexion ist,  erlebe ich derzeit in
einer Kommission der Finanzkommission Gesundheit,
in

64
00:08:13.000 --> 00:08:23.000
der ich Mitarbeiter als Ethikerin auch eine
neue Rolle, als Nicht-Gesundheitsökonomin.
Wir beschäftigen uns dort mit der Frage,
wie denn

65
00:08:23.000 --> 00:08:31.000
unser solidarisch finanziertes Gesundheitssystem
unter den Bedingungen des demografischen Wandels

66
00:08:31.000 --> 00:08:40.000
des medizinischen Fortschritts und der begrenzten
Mittel langfristig tragfähig gehalten werden
kann und haben uns ziemlich explizit und lange
auch in

67
00:08:40.000 --> 00:08:49.000
der Kommission darauf verständigt,  was denn
sozusagen unsere Regeln und Rolle sind.  Ich
habe das mal in der Zusammenfassung, dazu gibt
es ein

68
00:08:49.000 --> 00:08:56.000
ganzes Kapitel in dem Bericht,  noch mal mitgebracht
als ein Beispiel für wissenschaftliche Politikberatung
und dieses

69
00:08:56.000 --> 00:09:04.000
Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik.
Wir sind eine reine wissenschaftliche Expertenkommission
und es war für uns wichtig,

70
00:09:04.000 --> 00:09:13.000
dass wir bei all den Maßnahmen, die wir evaluieren,
Zielkonflikte transparent machen, also zum
Beispiel zwischen individuellem Bedarf

71
00:09:13.000 --> 00:09:15.000
und Finanzierbarkeit, Zwischenverhältnisse

72
00:09:16.000 --> 00:09:25.000
zwischen Autonomie und Steuerung, vielleicht
auch zwischen Effizienz und Gleichheitsansprüchen
und nach dem Prinzip des sogenannten Honest
Brokers,

73
00:09:25.000 --> 00:09:34.000
also des ehrlichen Maklers Vorgehen.  Das heißt,
wir haben nicht primär geschaut, wo man am
meisten Kosten einsparen kann,  sondern haben
alle

74
00:09:34.000 --> 00:09:42.000
Maßnahmen mit einer klaren Einschätzung der
jeweiligen Folgen versehen.  Wir haben also
so eine Heuristik nach Versorgungsqualität,

75
00:09:42.000 --> 00:09:51.000
Verteilungsgerechtigkeit und Kosten entwickelt.
Die Sie jetzt nicht im Detail lesen müssen,
aber Sie sehen alle Maßnahmen,  Sie haben
es ja

76
00:09:51.000 --> 00:09:59.000
vielleicht in der Presse gelesen, 66 Maßnahmen,
die wir so inventurmäßig vorgeschlagen haben,
sind praktisch einer Kategorie zugeordnet.
A plus

77
00:09:59.000 --> 00:10:01.000
wäre sozusagen,

78
00:10:01.000 --> 00:10:11.000
Man kann Kosten einsparen und die Qualität
noch verbessern, weil wir Dinge zu viel machen
und dadurch sogar die Qualität steigern können.
A

79
00:10:11.000 --> 00:10:21.000
wäre Einsparungen mit erwartbar keinen Auswirkungen
auf entweder die Qualität der Versorgung noch
die Verteilungsgerechtigkeit und B

80
00:10:21.000 --> 00:10:32.000
sind dann Einsparungen oder Maßnahmen mit
unsicherer oder potenziell negativen Auswirkungen
auf die Qualität und die Versorgung.  Wir
haben

81
00:10:32.000 --> 00:10:39.000
auch in dem Bericht und in der Vorstellung
des Berichtes das so dargestellt, dass die
Versorgung,

82
00:10:39.000 --> 00:10:48.000
die Finanzierungslücke, die Sie hier jeweils
über die Jahre aufgetragen für die nächsten
Jahre sehen und im nächsten Jahr schon bei
15

83
00:10:48.000 --> 00:10:58.000
Milliarden liegt, gedeckt werden kann und eben
die Maßnahmen auch dementsprechend gruppiert
auch allein gedeckt werden könnte mit Maßnahmen,
die

84
00:10:58.000 --> 00:11:06.000
eben A plus oder A haben.  Und das ist jetzt
im Grunde eigentlich nur ein Beispiel dafür
zu zeigen, wie man Daten und Modellierungen

85
00:11:06.000 --> 00:11:16.000
transparent machen kann und unsere Hauptmotivation
dahinter, das so darzustellen war, dass wir
tatsächlich überhaupt nicht sagen, welche
der

86
00:11:16.000 --> 00:11:20.000
Maßnahmen umgesetzt werden sollen, das ist
Aufgabe der Politik.

87
00:11:20.000 --> 00:11:29.000
sondern dass wir allein die Expertise, erstens
welche Folgen, wo gibt es überhaupt Kostentreiber,
wo sind Dinge doppelt gemacht,

88
00:11:29.000 --> 00:11:38.000
also die Analyse und Inventur, aber auch die
Projektion der jeweiligen Folgen, wenn man
die Maßnahmen umsetzt, darstellen  und dieses
Paket

89
00:11:38.000 --> 00:11:46.000
dann an die Politik übergeben, die das dann
nochmal in den letzten Tagen über den Referentenentwurf
weiter aushandelt.

90
00:11:46.000 --> 00:11:55.000
Also eine klare Rollenverteilung zwischen dem
Expertengruppe und dem, was dann politische
Empfehlung ist und durchaus nicht alle Maßnahmen

91
00:11:55.000 --> 00:12:05.000
haben wir gleich gewichtet von denen sozusagen
jetzt nicht, was politisch umsetzbar ist, sondern
was mit Blick auf die Versorgungsqualität
zu

92
00:12:05.000 --> 00:12:14.000
empfehlen ist.  Man sieht aber auch an dem,
dass an den Fakten jetzt dieser Finanzlücke
beispielsweise man nicht vorbeikommt. Also
die

93
00:12:14.000 --> 00:12:21.000
Finanzlücke, die entsteht, wenn wir einfach
so weitermachen, wie bisher ist real und muss
auch benannt werden.

94
00:12:21.000 --> 00:12:29.000
Und entscheiden muss es am Ende, die Politik.
Und ich denke, gute Politikberatung, das war
ja so ein bisschen auch mein Thema zwischen

95
00:12:29.000 --> 00:12:36.000
Wissenschaft, Politik und Bildung,  durch die
Wissenschaft jetzt hier, erweitert letztlich
den Entscheidungsspielraum.  Sie ersetzt aber
die

96
00:12:36.000 --> 00:12:44.000
demokratische Entscheidung nicht.  Insofern
gilt der Slogan, den wir ja auch vielleicht
bei dem March for Science und so weiter zum
Teil vor uns

97
00:12:44.000 --> 00:12:51.000
hergetragen haben,  Follow the Science oder
Unite Behind the Science.  Aus der Pandemie
ist Ihnen das sicher noch von den Bildern und

98
00:12:51.000 --> 00:12:58.000
Demonstrationen gegenwärtig.  Der ist ein
guter Ausgangspunkt und dafür vielleicht wichtig,
aber er ist zu kurz gesprungen, wenn man dabei
stoppt.

99
00:12:58.000 --> 00:13:06.000
Soweit die Wissenschaft zu Themen gesichertes
Wissen für komplexe Entscheidungssituationen
bereitstellen kann, dann ist es gut, dort zu

100
00:13:06.000 --> 00:13:06.000
stabilisieren.

101
00:13:07.000 --> 00:13:14.000
aber die eigentliche politische Entscheidung
selbst kann damit nicht gemeint sein.

102
00:13:15.000 --> 00:13:23.000
Dieses Beispiel habe ich eigentlich mitgebracht,
um zu illustrieren, einmal das Spannungsverhältnis
zwischen Wissenschaft und

103
00:13:23.000 --> 00:13:32.000
Politik, aber auch, was Ethik hier leisten
kann. Und zwar auf zwei Ebenen.  Zum einen
die professionsethische Ebene, die Reflexion
auf die

104
00:13:32.000 --> 00:13:42.000
eigene Rolle als Expertengremium.  Welche Regeln
geben wir uns für die Beratung?  Wie bleiben
wir unabhängig? Wie kommunizieren wir redlich
über

105
00:13:42.000 --> 00:13:51.000
Unsicherheit?  Die Dinge, die wir da diskutiert
haben.  Diese professionsethische Reflexion
ist eine der Kernaufgaben von Ethik.

106
00:13:51.000 --> 00:14:00.000
in den Wissenschaften. Und viele von uns sind
in der Wissenschaft, gehen in die Wissenschaft
und das ist unser Beruf. Wir müssen über
unsere

107
00:14:00.000 --> 00:14:08.000
Berufsethik, so wie Ärzte über ihre Berufsethik
reflektieren, nachdenken. Und das ist auch
einer der Schwerpunktbereiche des im Herbst
hier in

108
00:14:08.000 --> 00:14:17.000
Heidelberg gegründeten Jelinek-Zentrums für
Ethik für alle Fakultäten, die gerade diesen
Austausch über die Fakultäten hinweg sucht,
auch

109
00:14:17.000 --> 00:14:25.000
in Fragen der Professionsethik.  Die andere
inhaltliche Ebene ist natürlich die der inhaltlichen
Diskussion. Ethik klärt

110
00:14:25.000 --> 00:14:33.000
Zielkonfekte, steckt Entscheidungskorridore
ab und ermöglicht Deliberation, also das Abwägen
unterschiedlicher Perspektiven auf dem Weg
zu

111
00:14:33.000 --> 00:14:36.000
einer tragfähigen Entscheidungskrise.

112
00:14:37.000 --> 00:14:45.000
Hier ein Beispiel für einen solchen Deliberationsprozess
aus der Medizin.  Wenn es beispielsweise um
eine hochbetagte, schwerkranke

113
00:14:45.000 --> 00:14:53.000
Patientin geht,  stellen sich nicht nur medizinische
Faktenfragen nach Evidenz und technischer Machbarkeit,
sondern hier wird es

114
00:14:53.000 --> 00:15:01.000
ganz offensichtlich, was entspricht dem Patientenwillen,
welche Belastungen sind vertretbar, geht es
um Lebensverlängerung oder um

115
00:15:01.000 --> 00:15:05.000
Lebensqualität  und die Daten allein beantworten
das nicht.

116
00:15:05.000 --> 00:15:13.000
Genauso wie die Fakten unsere komplexen Probleme
allein noch nicht beantworten, aber eine reine
Mehrheitsmeinung auch nicht.  In klinischen

117
00:15:13.000 --> 00:15:22.000
Ethikkomitees schaffen wir deshalb einen Raum,
in dem die unterschiedlichen Perspektiven sichtbar
gemacht werden, Gründe geprüft werden und

118
00:15:22.000 --> 00:15:24.000
tragfähige Entscheidungen möglich werden.

119
00:15:24.000 --> 00:15:33.000
Jetzt ist Politik natürlich nicht Medizin,
aber auch Demokratien stehen regelmäßig vor
Situationen, in denen Fakten ein wichtiger

120
00:15:33.000 --> 00:15:42.000
Ausgangspunkt sind, aber das Zusammenführen
von Perspektiven, auch der Streit darum vielleicht
und das Herstellen eines Konsenses, das originäre

121
00:15:42.000 --> 00:15:50.000
Geschäft und auch die Kunst der Politik ist,
die beste Entscheidung, in der Situation dafür
auch unverzichtbar bleibt.

122
00:15:50.000 --> 00:15:59.000
Und hier, denke ich, kommt natürlich mit großer
Bedeutung die Bildung ins Spiel,  gerade hier
an der Pädagogischen Hochschule natürlich
ein

123
00:15:59.000 --> 00:16:09.000
zentraler Punkt.  Auch wenn jetzt nicht die
Pädagogik meine spezielle Expertise ist,
möchte ich deshalb eher als meine Punkte,
meine

124
00:16:09.000 --> 00:16:14.000
Überlegungen,  eher als Einladung für die
Diskussion nachher verstehen.

125
00:16:14.000 --> 00:16:23.000
Die demokratische Gesellschaften stehen nämlich
vor der Aufgabe,  diese Orientierungsfähigkeit,
die ich beschrieben habe, aktiv zu kultivieren,
zu

126
00:16:23.000 --> 00:16:31.000
lernen.  Sie entsteht nicht von selbst.  In
Deutschland sprechen wir von politischer Bildung
oder Demokratiepädagogik.  Die amerikanische

127
00:16:31.000 --> 00:16:40.000
Forschungsliteratur kennt da zunehmend auch
den Begriff das Civic Learning.  Und es lohnt,
finde ich, einen Blick, weil er einen Aspekt
besonders

128
00:16:40.000 --> 00:16:48.000
scharf hat,  der auch in Deutschland vielleicht
relevant ist.  Civic Learning meint nämlich
nicht nur den Erwerb politischen Wissens,
sondern die

129
00:16:48.000 --> 00:16:56.000
Fähigkeit, als Bürgerinnen und Bürger gemeinsam
über komplexe Probleme zu urteilen und zu
entscheiden.  Das schließt Urteilskraft,

130
00:16:56.000 --> 00:17:06.020
unter Unsicherheit, Quellenkritik, Konfliktbearbeitung
und die Praxis demokratischer Gesprächsführung
ein.  Dinge, die im

131
00:17:06.020 --> 00:17:10.020
Schulunterricht wichtig zu vermitteln sind.

132
00:17:10.020 --> 00:17:19.020
Wer nur einfache Antworten sucht, wird anfällig
für die, die vereinfachen.  Wer Ambivalenz
aushalten kann, ist freier.  Bildung ist nicht
nur

133
00:17:19.020 --> 00:17:25.020
wichtig für den Arbeitsmarkt, sondern sie
stärkt auch unsere Demokratiefähigkeit.

134
00:17:26.020 --> 00:17:39.020
Der Hastings Center, der ein Ethik- und Politikberatungsgremium
in der Nähe von New York ist, hat die amerikanische
Situation

135
00:17:39.020 --> 00:17:43.020
analysiert und untersucht.

136
00:17:45.020 --> 00:17:53.020
Ah ja, das habe ich zu schnell weitergeblendet,
das ist auf der rechten Seite.  Und hat untersucht,
wie es dort mit der Bildung aussieht

137
00:17:53.020 --> 00:18:02.080
und eine Krise des demokratischen Lernens diagnostiziert,
die im Grunde auf drei Ursachenbündeln beruht.
Einmal der Wandel der

138
00:18:02.080 --> 00:18:11.080
Medienlandschaft.  Soziale Medien priorisieren
Aufmerksamkeit vor guter Information mit Folgen
für die politische Urteilsbildung.  Ich glaube,

139
00:18:11.080 --> 00:18:13.080
auch das sehen wir hier in Deutschland.

140
00:18:13.080 --> 00:18:22.080
Zweitens strukturelle Faktoren.  Schulen in
den USA hatten immer eine explizit demokratiefördernde
Aufgabe oder demokratische

141
00:18:22.080 --> 00:18:31.080
Aufgabe  und diese sei laut der Analyse und
den Autoren in den letzten 50 Jahren systematisch
von wirtschaftlichen Zielen,  Stichwort College
and

142
00:18:31.080 --> 00:18:40.080
Career Ready, verdrängt worden.  Die meisten
Schülerinnen und Schüler durchlaufen ihre
gesamte Schulzeit ohne ernsthafte Übung im

143
00:18:40.080 --> 00:18:43.080
Diskutieren kontroverser Themen.

144
00:18:43.080 --> 00:18:51.080
im Umgang mit widersprüchlichen Fakten und
in der Praxis politischer Teilhabe.  Sie beschreiben
auch einen Teufelskreis, weil auch die Eltern
das

145
00:18:51.080 --> 00:18:58.080
nicht in dem Maße mehr gelernt haben  und
deshalb auch nicht in den Familien sozusagen
als Vorbild das weitergeben können.

146
00:18:58.080 --> 00:19:07.040
Der dritte Ursachenbündel sind soziale Veränderungen,
wachsendes Misstrauen gegenüber Experten,
Polarisierung, Anfälligkeit für

147
00:19:07.040 --> 00:19:16.040
Verschwörungstheorien.  Und dieser Befund
betrifft natürlich essentiell Vertrauen.
Millie Solomon, die langjährige Leiterin des
Hastings

148
00:19:16.040 --> 00:19:25.040
Center, argumentiert, dass Vertrauensverlust
in Institutionen überhaupt nicht irrational
ist. Beruht häufig auf realen Erfahrungen
von

149
00:19:25.040 --> 00:19:31.040
Gerechtigkeit, von gehört werden oder nicht
gehört werden und fairer Behandlung.

150
00:19:31.040 --> 00:19:41.040
Wenn Bildung diese Erfahrung nicht mehr vermittelt,
wenn Schulen aufhören, Orte gelebter demokratischer
Teilhabe zu sein,  dann erodiert

151
00:19:41.040 --> 00:19:51.040
auch das Vertrauen in das, was Demokratie als
Institution stärkt und ausmacht.  Da halte
ich dieses Thema für sehr relevant für unsere

152
00:19:51.040 --> 00:20:00.000
Diskussion heute.  Was davon auf Deutschland
übertragbar ist, das wäre ein Punkt, denke
ich, für die Diskussion nachher, ob überhaupt.

153
00:20:01.000 --> 00:20:09.000
Was verbindet jetzt die vier Bereiche, über
die ich gesprochen habe? Wissenschaft, Politik,
Beratung, Ethik und Bildung. Es ist, wie das
Thema

154
00:20:09.000 --> 00:20:14.000
des heutigen Tages schon andeutet, die Frage
nach Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit.

155
00:20:15.000 --> 00:20:24.000
Da ist eine Unterscheidung mir wichtig. Die
Philosophin Onara O'Neill hat das pointiert
formuliert, das Ziel, mehr Vertrauen zu erzeugen,

156
00:20:24.000 --> 00:20:28.000
ist als solches verfehlt. Was wir brauchen,
ist mehr Vertrauenswürdigkeit.

157
00:20:28.000 --> 00:20:38.000
Also Verlässlichkeit, nachweisliche Kompetenz
und Ehrlichkeit,  Vertrauen folgt dann auf
den Fuß, es lässt sich nicht direkt herbeiführen.

158
00:20:38.000 --> 00:20:44.000
Und ich unterscheide hier auch für die Diskussion
vielleicht drei Dimensionen des Vertrauens.

159
00:20:44.000 --> 00:20:53.000
epistemisch, institutionell und sozial. Epistemisches
Vertrauen meint Vertrauen in die Qualität
und Verlässlichkeit des erzeugten

160
00:20:53.000 --> 00:21:02.060
Wissens.  Institutionelles Vertrauen, Vertrauen
in Verfahren, Unabhängigkeit und Integrität.
Und soziales Vertrauen, vielleicht die umstrittenste

161
00:21:02.060 --> 00:21:07.060
Dimension, jedenfalls in der Wissenschaft.
Vertrauen hängt auch davon ab,

162
00:21:07.060 --> 00:21:16.060
wessen Fragen als wissenschaftlich relevant
gelten,  wer in Forschungsprozessen repräsentiert
ist  und ob Wissenschaft erkennbar auch im
Dienste

163
00:21:16.060 --> 00:21:18.060
des Gemeinwohls steht.

164
00:21:18.060 --> 00:21:27.060
Eine aktuelle Studie in Nature Human Behavior
zeigt Gruppen, die in der Wissenschaft unterrepräsentiert
sind und häufig schon seit

165
00:21:27.060 --> 00:21:31.060
vielen Jahren, vertrauen der Wissenschaft systematisch
weniger.

166
00:21:32.060 --> 00:21:42.060
Diese drei Dimensionen gelten für Wissenschaft,
denke ich, und vielleicht auch oder wahrscheinlich
auch für andere Institutionen wie Schulen,

167
00:21:42.060 --> 00:21:53.060
Parlamente, Gerichte.  Vertrauen entsteht,
wenn Institutionen ihre Rolle kompetent ausüben,
wenn sie sich integer verhalten und sich sozial

168
00:21:53.060 --> 00:21:55.060
verständlich machen.

169
00:21:55.060 --> 00:22:03.020
Aus diesem Grund, jetzt kommt ein kleiner Werbeblock,
Sie haben die Schilder vielleicht am Eingang
schon gesehen,  engagiere ich mich auch im

170
00:22:03.020 --> 00:22:10.020
Verein Wissenschaft für Demokratie, nicht
parteipolitisch,  sondern für diese Voraussetzungen,
unter denen freie Wissenschaft

171
00:22:10.020 --> 00:22:17.020
überhaupt möglich ist.  Wir engagieren uns
für die Resilienz des Wissenschaftssystems,
aber sehr viel auch um die Kommunikation,
warum

172
00:22:17.020 --> 00:22:22.020
Wissenschaft wichtig ist oder unter diesem
Kampagne Wissenschaft braucht doch kein Mensch.

